Die Diagnose Krebs löst Angst und Hilflosigkeit aus. Doch dank neuer Behandlungsmethoden können inzwischen immer häufiger auch schwere Fälle geheilt werden.
Die Forschung nach neuen Krebstherapien fokussiert sich vor allem auf so genannte Immuntherapien. Sie helfen dabei, das eigene Abwehrsystem so scharf zu stellen, dass es Krebszellen erkennt und bekämpft. Wir erklären, wem die neuen Therapien helfen können.
So funktionieren Immuntherapien
Krebszellen sind in der Lage, sich vor dem Immunsystem zu verstecken - und können so ungehindert wuchern. Hier setzen moderne Therapieformen an: Die neuen Medikamente ermöglichen es den Zellen des Immunsystems, die Maskerade der Krebszellen zu durchschauen und sie anzugreifen - mit beeindruckendem Erfolg.
Was macht die Immuntherapie so erfolgversprechend?
Auch Professor Gerald Illerhaus wendet Immuntherapien an. Der Onkologe ist ärztlicher Direktor der Klinik für Hämatologie und des Stuttgart Cancer Center am Klinikum Stuttgart.
Er erklärt: „Das normale Immunsystem ist imstande, Zellen abzutöten, Krebsentstehung zu verhindern. Bei bestimmten Krebsarten wird genau dieses System gehemmt. Das heißt, die Krebszellen blockieren die normale Immunantwort. Diese Lymphozyten sind machtlos und können den Krebs nicht vernichten. Hier ist die Immuntherapie der Schlüssel zum Erfolg. Wir blockieren die Hemmung und haben damit das Immunsystem von der Leine gelassen. Und das ist eine fantastische Therapie.“
Checkpoint-Hemmer-Therapie
Gerade die Therapie mit Checkpoint-Hemmern gilt mittlerweile als Rettung bei Krebserkrankungen, die noch vor wenigen Jahren nur schlecht behandelbar waren.
Die Therapie nutzt die Fähigkeit spezieller Immunzellen, der sogenannten T-Zellen. Sie können krankmachende Zellen zerstören. Damit gesunde Körperzellen verschont bleiben, geben sich diese mit einem speziellen Eiweiß auf der Zelloberfläche zu erkennen, Checkpoint genannt.
Mit solchen Checkpoints können sich aber auch Krebszellen hinter einem Schutzschild verstecken. Mit der Immuntherapie durch Checkpoint-Inhibitoren werden diese falschen Checkpoints blockiert. So können T-Zellen auch wieder Krebszellen zerstören.
In unserem Fallbeispiel wird ein Patient mit Nierenzellkrebs und Lungenmetastasen behandelt. Der Tumor in der Niere wird zwar erfolgreich operativ entfernt, doch die Metastasen in der Lunge sind nur schwer behandelbar. Weder Chemo- noch Strahlentherapie helfen. Dank der Immuntherapie nimmt das Immunsystem des Patienten jedoch den Kampf gegen den Krebs wieder auf.
Diese spezielle Art der Immuntherapie gegen Krebs wird als Infusion mindestens einmal im Monat verabreicht, in der Regel über mehrere Jahre als Dauertherapie. Ob sie anschlägt, sieht der Arzt aber sofort. In unserem Fallbeispiel sind die Lungenmetastasen erst geschrumpft – und nach eineinhalb Jahren nicht mehr im CT zu sehen.
Mögliche Nebenwirkungen der Immuntherapie
Eine typische Nebenwirkung der Immuntherapie können etwa starke Hautprobleme sein. Diese Reaktion durch das überaktive Immunsystem kann auch lebensbedrohlich werden. In unserem Fallbeispiel wurde die Therapie deshalb nach zwei Jahren abgebrochen. Der Krebs kam dennoch nicht zurück.
Professor Illerhaus weiß mittlerweile aus Studien, „dass, wenn wir die Therapie wegen insbesondere dieser Immunnebenwirkungen abbrechen müssen, die Patienten keine schlechtere Prognose haben.“ In sechs Monaten kommt der Patient zur nächsten Kontrolle. Er muss auch keinerlei Medikamente mehr einnehmen - ein großer Erfolg der Immuntherapie.
Prognosen nach Immuntherapie deutlich besser
Früher waren die Prognosen für diese Krebsarten viel schlechter. Professor Illerhaus sagt: „Beim Nierenzellkarzinom war eine metastasierte Situation ein Todesurteil. Durch die Immuntherapie - die Checkpoint-Inhibition - ist die Therapie komplett revolutioniert worden, und wir können jetzt Patienten langfristig heilen.“
Früher lag die Fünf-Jahres-Überlebensrate im metastasierten Stadium bei zwei Prozent. „Jetzt liegen wir bei um die 50 Prozent.“ Immerhin jeder zweite Patient bleibt also längerfristig tumorfrei.
Weitere geeignete Krebsarten für Immuntherapien
An Nierenzellkarzinom und Schwarzem Hautkrebs wurden Immuntherapien als erstes eingesetzt. Mittlerweile werden auch das Lungen- und Harnblasenkarzinom sowie verschiedene Kopf-Hals-Tumore behandelt.
Sind bestimmte biologische Voraussetzungen gegeben, können beliebige Tumoren mit ähnlichen Eigenschaften mit Immuntherapien bekämpft werden. Immuntherapien begleiten mittlerweile die gesamte Krebsmedizin - bei Lymphomen, Leukämien, aber auch bei soliden Tumoren.
Professor Illerhaus schätzt, in seiner Klinik erhalte etwa jeder zweite Patient eine Immuntherapie. Zum Teil wird dabei die Immuntherapie mit Chemo- oder Strahlentherapie kombiniert. Die Ergebnisse sind überwiegend sehr gut.
Professor Michael Baumann, Radioonkologe und Vorstandsvorsitzender des Deutschen Krebsforschungszentrums in Heidelberg, weiß: "Es gibt aber leider auch Tumoren, bei denen diese Therapie heute noch nicht wirkt, zum Beispiel beim Bauchspeicheldrüsenkrebs." Hier wird aber mit großer Intensität weiter geforscht.
Vorstand DKFZ Heidelberg Prof. Michael Baumann | 9.12.2024 Krebs: Hoffung durch Immuntherapie und Krebsforschung
Krebs galt früher als unheilbar, dann kamen Chemotherapie und Strahlenbehandlung. Welche neuen Methoden der Krebstherapie gibt es? Wir sprechen darüber mit Prof. Michael Baumann.
Verträglichkeit im Vergleich zur Chemotherapie
Chemotherapien haben fast immer Nebenwirkungen - manchmal wenig, manchmal starke. Die Immuntherapie werde überwiegend gut vertragen, berichtet der Onkologe.
Bei einem kleinen Quantum von 20 Prozent der Patienten treten sogenannte Auto-Immun-Reaktionen auf - die Immuntherapie agiert gegen körpereigene Strukturen. Das Zielorgan können die Haut, der Darm oder die Lunge sein. Es entstehen zum Beispiel Hautentzündungen, Darm- oder Lungenentzündung.
Deshalb sollten erfahrene Onkologen den Patienten begleiten. Meist kann eingegriffen werden, etwa mit Cortison. Möglicherweise wird die Therapie aber auch umgestellt oder beendet.
Krebstherapie Bewegung kann Nebenwirkungen lindern
Eine gezielte Bewegungstherapie bei Krebspatienten kann sehr positive Effekte haben. Das zeigen aktuelle Studien. Vor allem die Behandlung von Nebenwirkungen ist damit ebenso erfolgreich möglich wie mit Medikamenten.
Gentechnik in der Krebstherapie: CAR-T-Zell-Therapie
Fortschritt in der Krebstherapie heißt auch, neue Ansätze miteinander zu verbinden - zum Beispiel die Immuntherapie mit der Gentechnik. Besonders viel Hoffnung wird in die Therapie mit so genannten CAR-T-Zellen gesetzt.
Die körpereigenen Abwehrzellen werden im Labor gentechnisch so verändert, dass sie im Idealfall nach einmaliger Gabe dauerhaft den Krebs vernichten können. Angewendet wird die Therapie bei Blut- bzw. Lymphdrüsen-Krebserkrankungen. Sie hat die Heilungschancen massiv verbessert.
Wenn die Chemotherapie nicht wirkt
Im Fallbeispiel schlägt bei einem aggressiven Lymphdrüsenkrebs am Hals eine fünffache Chemotherapie-Behandlung in der Uniklinik Heidelberg nicht an. Der Krebs wächst rasant weiter.
Das Heidelberger Team um Dr. Maria-Luisa Schubert, Hämatologin und Onkologin, gibt nicht auf und versucht es mit der neuartigen Gentherapie, der CAR-T-Zelltherapie. Die veränderten Immunzellen des Patienten sollen lebenslang im Körper erhalten bleiben als sogenannte Gedächtnis-CAR-T-Zellen.
Hoffnung für Heilung schwerer Krankheiten Neues Gen- und Zelltherapie-Zentrum Heidelberg
Die Hoffnungen sind groß, die Erfolge ermutigend. Das neue Zentrum für Gen- und Zelltherapie in Heidelberg verspricht einen Riesensprung bei der Heilung schwerer Krankheiten.
So funktioniert die CAR-T-Zelltherapie
Bei den Patienten werden mit einer Blutwäsche, Leukapherese genannt, die im Blut enthaltenen Immunabwehrzellen herausgefiltert. Die daraus gewonnenen T-Zellen werden im Labor gentechnisch so verändert, dass sie einen besonderen Rezeptor auf ihrer Oberfläche bilden: den chimären Antigenrezeptor, kurz CAR genannt.
Diese veränderten Immunzellen erhalten die Patienten in der Regel mit nur einer einzigen Infusion in ihr Blutsystem zurück. Mit ihrem neuen Rezeptor, ähnlich einem Greifarm, können CAR-T-Zellen nun Krebszellen im Körper aufspüren und vernichten. In unserem Beispielfall war der Lymphdrüsenkrebs nach einem halben Jahr verschwunden.
Nebenwirkungen der CAR-T-Zelltherapie
Die Therapie kann jedoch durch das aktivierte Immunsystem erhebliche Nebenwirkungen haben – etwa Entzündungsreaktionen und Fieber oder Störungen des Nervensystems. Auch wenn die Infusion selbst nur wenige Minuten dauert, kann ein mehrwöchiger Klinikaufenthalt zur Überwachung notwendig werden.
Dr. Maria-Luisa Schubert ist dennoch begeistert. „Die CAR-T-Zellen haben die Therapielandschaft von bösartigen Bluterkrankungen, Blutkrebs oder Lymphdrüsenkrebs revolutioniert.“ Eine Remission werde zwar nicht bei jedem Patienten erreicht, aber bei einem Großteil der Patienten, für die es vorher nicht unbedingt Therapiemöglichkeiten gab.
Noch ist diese Art der Immuntherapie nur zugelassen, wenn vorherige Therapien nicht anschlagen. Die CAR-T-Zelltherapie ist erst seit zwei Jahren zugelassen. Die Kliniken, die sie anwenden, müssen besondere, hohe Anforderungen erfüllen.
Impfung: Krebstherapie mit mRNA-Impfstoffen
Eine weitere moderne Krebstherapie - ebenfalls eine Immuntherapie - ist die Therapie mit mRNA-Impfstoffen - vielen seit der Coronapandemie ein Begriff. MRNA-Impfstoffe sollen im Körper die Zellen umprogrammieren und letztendlich bestimmte Eiweißmoleküle präsentieren, die bestimmte Immunreaktionen zustande bringen.
Erste Studien zeigen bereits Erfolge, etwa bei Magen-Darm-Tumoren und anderen Krebserkrankungen. In den nächsten Jahren sollen die ersten Zulassungen kommen, etwa bei Darmkrebs in frühen Stadien, wo ein hohes Risiko besteht, dass er später metastasiert. Der Impfstoff soll diese Rezidiv-Quote minimieren.
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Impfung gegen Krebs - Beispiel Gebärmutterhalskrebs
Professor Michael Baumann, Vorstandsvorsitzender des Deutschen Krebsforschungszentrums in Heidelberg, spricht von zwei Formen der Impfung gegen Krebs. "Eine, die verhindern soll, dass Krebs überhaupt entsteht. Und eine, die zusätzlich zur Behandlung gegeben wird."
Eine Impfung, die verhindert, dass Krebs auftritt, wurde von Professor Harald zur Hausen entwickelt, der dafür den Nobelpreis erhalten hat: die Impfung gegen Gebärmutterhalskrebs. "Heute weiß man, dass sie auch gegen einige andere Tumorformen wirkt. Sie ist vorhanden, wird leider nicht häufig genug angewendet."
Die therapeutische Impfung, also zusätzlich zur Therapie, befindet sich noch in einem experimentellen Stadium und muss in klinischen Studien oder im Labor noch untersucht werden.
Künstliche Intelligenz: Fortschritte in Chirurgie und Strahlentherapie
Professor Baumann erklärt, alle Therapien, die gegen Krebs gerichtet sind, hätten sich inzwischen "unglaublich weiterentwickelt". So habe zum Beispiel bei der Chirurgie die Robotik einen großen Stellenwert eingenommen. "Und wir sind gerade dabei, dass künstliche Intelligenz in die OP-Säle einzieht und den Operateur unterstützt."
Die Strahlentherapie sei in den letzten 20 Jahren deutlich präziser geworden, mit Bildern bereits während der Strahlentherapie. "Auch da spielt künstliche Intelligenz eine große Rolle. Aber mit der Immuntherapie haben wir eine vierte Säule neben Strahlentherapie, Chirurgie und Chemotherapie."
Moderne Krebstherapie: Was ist eine personalisierte Therapie?
Für Professor Baumann ist Krebs "die komplizierteste aller Erkrankungen, die wir heute kennen". Tumoren unterschiedlicher Patienten, die im Mikroskop gleich erscheinen, so der Experte, unterscheiden sich aber völlig bei der Untersuchung mit modernen molekularbiologischen Methoden.
"Das können wir heute messen. Diese Unterschiede können wir heute mit Geräten feststellen, mit Genomanalyse und ähnlichem. Und können dann zielgerichtet Therapien verschreiben, für die ein bestimmter Tumor biologisch empfänglich ist."
Wie groß sind die Heilungschancen bei Krebs derzeit?
Etwa zwei Drittel der Patientinnen und Patienten mit Krebs können heutzutage geheilt werden. Die Heilungsraten steigen. Das liegt zum einen an der neuen, modernen Medizin – mit neuen zielgerichteten Therapeutika oder der Immuntherapie.
Ein entscheidender Punkt ist aber zum anderen, dass die Krebsmedizin sich gewandelt hat - hin zu interdisziplinären Diskussionen, zertifizierten Zentren, teambasierten Behandlungskonzepten nach besten Leitlinien.
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Wo gibt es für krebskranke Patienten die beste Behandlung?
Experten für komplexe Krebserkrankungen gibt es vor allem in zertifizierten Krebszentren. Die Diagnostik läuft dort nach modernsten Leitlinien. In einer interdisziplinären Diskussion - den Tumorboards - laufen Fallkonferenzen, in denen Chirurgen, Strahlentherapeuten, Internisten und Fachärzte je nach Tumorart zusammensitzen, die Fälle diskutieren, leitliniengerecht therapieren und dokumentieren.
Jedes Jahr wird in den Kliniken die Qualität der Krebsbehandlungen überprüft von der Deutschen Krebsgesellschaft, die sogenannte Zertifizierung der onkologischen Zentren. Statistiken zeigen, dass die Erfolgschancen in diesen Zentren größer sind.
Professor Baumann sagt: "Und deshalb würde ich auf jeden Fall raten, dass man sich in einem zertifizierten Zentrum behandeln lassen sollte. Wir wissen heute sogar durch klinische Auswertung der Daten, dass das Überleben und die Behandlungserfolge dort besser sind. Trotzdem gibt es noch ungefähr 40 Prozent unserer Mitbürger in Deutschland, die, wenn sie Krebs haben, sich nicht in einem zertifizierten Zentrum behandeln lassen."